Liebesbekenntnis

„Mit Überblick Details sichtbar machen“ ist eine unwiderstehliche Verführungskunst, die allein topografischer Landeskarten vorbehalten ist. Seit jeher pflege ich eine Liebe zu topografischen Karten. Bereits in meiner Jugend hatten es mir die wenig detaillierten Alpengebietskarten der Taschenbücher des Rudolf Rother Bergverlags von meinem Vater angetan. Sich einen Überblick zu verschaffen, am Ort der Begierde Details erkennen und entlang der geplanten Route das anstehende Bergerlebnis erahnen – eine triviale Beschreibung des Kartenlesens. Allerdings verbergen sich im Kartenlesen auch viele Emotionen.

Ausschnitt Amberger Huette - Stubaier Alpen Hochstubai - Alpenvereinskarte 31-1
Ausschnitt Amberger Hütte – Stubaier Alpen Hochstubai – Alpenvereinskarte 31-1

Topografische Karte gleich welchen Maßstabs werden bevorzugt vor sich am Boden ausgebreitet, so verschafft man sich den nötigen Überblick. Kartenlesen ist ein unvergleichliches Erlebnis. Es bietet Bergerlebnisse ohne jegliche physische Anstrengung. Emotional allerdings erlebe ich bereits die anstehende Aufgabe und nicht selten kommen Zweifel auf, ob ich der geplanten Unternehmungen tatsächlich gewachsen bin. In solchen Momenten lass ich mir offen, die geplante Unternehmung während der Ausführung auch jederzeit abbrechen zu können. So bereits zweimal geschehen bei meiner geplanten Besteigung der Moserkarspitze von Norden aus dem Johannestal über das Sauissköpfl.

Besondere Begeisterung hege ich für Alpenvereinskarten vom Landesamts für Digitalisierung, Breitband und Vermessung, für Landeskarten der Schweiz vom Bundesamt für Landestopografie und für Landeskarten vom österreichischen Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen.

Alpenvereinskarte Bayerische Alpen BY12 - Karwendelgebirge Nord Scharfreiter
Alpenvereinskarte – Karwendelgebirge Nord Scharfreiter
Landeskarte der Schweiz - 44 Passo del Maloja - St. Moritz - Poschiava - Valtellina
Landeskarte der Schweiz – Passo del Maloja – St. Moritz – Poschiavo – Valtellina

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei meinen kürzlichen Unternehmungen in der Schweiz konnte ich meiner Sucht nicht widerstehen. Beide Male habe ich die Buchhandlung „Schuler Bücher“ in Chur aufgesucht, um mir alle Landeskarten der östlichen Schweiz im Maßstab 1:100 000 zuzulegen. Auf meine Anmerkung „ich sei nun mal Karten-Fetischist“ entgegnete die Verkäuferin schlicht „Es gibt Schlimmeres!“.

In dem Artikel „Bergbanden“ aus der Süddeutschen Zeitung vom 15. Dezember 2021 beschreibt Anna Hadzelek ihre Liebeserklärung ans Kartenlesen so:

Kartenlesen, so Anna Hadzelek, sei eine Kombination aus "Fakten und Fantasien, aus Information und Mutmaßung".

Treffender und schöner lässt sich die Verführungskunst topografischer Landeskarten „sich lesen zu lassen“ nicht beschreiben.

Dr. Harald Klein

P.S. Karten aus vergangenen Jahren sind nicht veraltet, sondern historische Zeitzeugnisse. So gibt der Vergleich mit selbiger Karten neueren Datums Auskunft über das Ausmaß des Rückzugs von Gletscherflächen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.